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Deutsch klingt besser

Im Jahr 1523 kann man ein neues Lied nicht bei YouTube einstellen oder seinen Freunden auf Facebook posten. Da muss man seine Kompositionen noch anders unters Volk bringen. Martin Luthers Choräle und Kirchenlieder werden meist innerhalb kürzester Zeit gedruckt und als Flugblätter verbreitet. Bald ergeben sie zusammengebunden schon kleine Hefte. Und in den Kirchen der Reformation singt die Gemeinde sonntags nun auch auf Deutsch - eine Sensation. Die religiöse Welt hat sich in rasendem Tempo verändert.

Im September 1522 ist die erste Auflage des von Luther übersetzten Neuen Testaments erschienen. 1,5 Gulden, ein halbes Tischlergehalt, kostet das Buch, trotzdem sind alle 3000 Exemplare nach drei Monaten vergriffen, vor Weihnachten wird nachgedruckt. Endlich können die Menschen das Buch, das ihr Leben wie kein zweites bestimmt, selbst lesen. Und Luther hat ja nicht nur übersetzt, sondern dabei auch ganz nebenbei eine deutsche Schriftsprache entwickelt und ihr viele starke Begriffe geschenkt: Herzenslust, Denkzettel, Machtwort, Feuereifer - alles Lutherworte.

Der Reformator kann nur geahnt und gefühlt haben, was heute als erwiesen gilt: Wenn der Mensch singt, wird er klüger, friedfertiger und gesünder. Gesang tut unserem Körper und unserer Seele gut, Musik verändert unser Leben! Und durch Martin Luther und die Reformation hat sich auch unsere Musikgeschichte ein wenig verändert ....

 

Wie kann man sich Martin Luther in Thüringen heute nähern? Es ist Zeit für eine Spurensuche. Immerhin bereitet sich Deutschland auf das 500-jährige Jubiläum des Thesenanschlags in Wittenberg vor - der übrigens vielleicht nur eine besonders konsequent ausgeschmückte Legende ist. In jedem Fall aber breiten sich die 95 Thesen, mit denen sich der Benediktinermönch gegen den Ablasshandel wendet, damals erstaunlich schnell in der christlichen Welt aus.

Wie lange das alles her ist, erleben Kinder und Jugendliche zum Beispiel während einer Schulstunde aus dem 16. Jahrhundert - angeboten im Lutherhaus Eisenach. Da staunen die Mädchen nicht schlecht, als sie Jungennamen verpasst bekommen - Mädchen durften noch nicht zur Schule gehen. Der dümmste Schüler bekommt am Ende einen Eselskopf übergestülpt. Das ist für Kinder aus dem 21. Jahrhundert eine Erfahrung, die sie so schnell nicht vergessen. Gelöst wirken sie beim Singen der religiösen Lieder - damals fester Bestandteil des Unterrichts. Ob der Schuljunge Martin auch gern gesungen hat, wollen sie wissen.

Sieht so aus. Denn in Eisenach, wohin Luther als 15-Jähriger von seinen Eltern in die Lateinschule geschickt wird, verdient er sich zunächst als Chorsänger seinen Lebensunterhalt. Als Erwachsener kann Martin Luther auch gut Laute spielen und komponieren . dabei lässt er sich aber manchmal von fachkundigen Bekannten helfen. "Vom Himmel hoch, da komm ich her", "Eine feste Burg ist unser Gott" und andere Kirchenlieder schrieb der Reformator selbst, um für den Gottesdienst einen Grundstock an deutschen Liedern zu schaffen. Seine Werke erschienen 1523/24 im so genannten Achtliederbuch. Immerhin 36 Lieder sind sicher überliefert.

 

Die Erfurter Altstadt an einem sonnigen Spätsommertag: Vor der Eisdielen stehen die Leute Schlange, im Gewühl der Krämerbrücke spielt ein Straßenmusiker Geige, die Cafés an der Gera sind bis auf den letzten Platz belegt. In all dem Gassengewimmel wird auch Martin Luther unterwegs gewesen sein. Manche Sträßchen, wie die kopfsteingepflasterte Allerheiligengasse bei der Michaeliskirche, haben sich seit damals kaum verändert.

Erfurt ist Lutherstadt, hier liegt über Jahrzehnte die geistige Heimat des Reformators. Dabei kann der junge Luther die Stadt nur in Maßen genießen, denn in der Burse, so heißen die Studentenwohnheime, lebt er unter Aufsicht: Man steht um 5 Uhr auf, neben der Uni gibt es viele Kirchgänge. Um 21 Uhr wird das Licht gelöscht. Jeder Student erhält "2 Maaß Bier", mehr als drei Liter, das soll Bettschwere bringen. Erzieht man so junge Leute? Luther, der zeitlebens gern gut isst und trinkt, hat dazu andere Ideen. Man ahnt es: "Musik ist eine halbe Disziplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht", schreibt er. Sie verschaffe - wie sonst nur der Glaube - Ruhe und ein fröhliches Gemüt. deshalb will er, dass Musik Bestandteil der Ausbildung ist, dem Musikmachen gibt er vor der Theorie den Vorzug. Die Herrschenden sollen die Musik fördern.

Peter Helmut Lang sortiert Notenblätter. Manche sind mit einem Computerprogramm geschrieben, andere fast liebevoll handgemalt. Allesamt sind sie aktuelle Kompositionen zu alten Luthertexten: modern, klassisch, jazzig, wie es den Künstlern heute gefällt. Lang selbst, Komponist aus Weimar und Pfarrerssohn mit schwäbischen Wurzeln, hatte 2012 - zum Themenjahr "Reformation und Musik" die Idee, dass 20 Thüringer Komponisten aktuelle Werke für ein "Neues Lutherchorbuch" schreiben. Einzige Vorgaben: Der Text zur Musik muss von Luther sein und die Werke müssen von Laienchören gesungen werden können. 2012 wurden einige von ihnen uraufgeführt und erschienen als Buch.

Vor allem aber sollen sie gesungen werden, von Laien, in der Kirche. Jazzige, aktuelle Musik zu den alten, starken Luthertexten - eine Sensation. Vielleicht auch auf YouTube.

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