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Gänsehaut und Schlüsselfragen - Ausflug nach Neustadt an der Orla

Bei Luther und Thüringen denkt man zunächst an die Wartburg, an Eisenach oder Erfurt. Aber Neustadt an der Orla? Eher nicht. Bis eine Einladung kam – zur Eröffnung des dortigen Lutherhauses. Neugierig geworden, machten wir uns also auf in die Cranach-Stadt - bei strahlendem Sonnenschein und knackig kalten Temperaturen. Und schon die Fahrt versetzte uns in Urlaubsstimmung. Bei Kahla sahen wir die Leuchtenburg, in Hummelshain das leider verfallene, aber ziemlich verwunschene Jagdschloss und traumhaft bunte Wälder rechts und links. Wir wollten am liebsten aussteigen und los wandern. Aber wir hatten ja eine Verabredung mit Herrn Luther …

Informativ: das Lutherhaus in Neustadt an der Orla ist ein Haus mit Geschichte

Repräsentativ: die Lutherstube im Lutherhaus

Liebe zum Detail: Lutherrose im Lutherhaus

Tradition trifft Handwerk: die historische Druckerwerkstatt im Stadtmuseum.

Blickfang: Schöne Markierung des innerstädtischen Lutherweges im Pflaster.

Der vorreformatorische Altar in der Stadtkirche St. Johannis gehört zu den Meisterwerken Lucas Cranachs des Älteren.

Es ist eigentlich kein Lutherhaus!

Bitte? Ronny Schwalbe, Kultur- und Tourismuschef der Kleinstadt, räumte schon vor der Tür des frisch herausgeputzten Bürgerhauses am Markt gleich mal mit einer Illusion auf. Es sei wohl ein Gerücht, dass Luther hier ein oder zwei Mal übernachtet hat. Zwar war er nachweislich in der Stadt, wird die Nächte jedoch eher im hiesigen Kloster verbracht haben. Und eben dieses Augustinerkloster habe am Markt ein Gästehaus besessen. Ein prächtiges muss es gewesen sein. Und so kam wohl nur eben dieses Haus in Betracht. Wo Luther wahrscheinlich niemals wohnte. Eine schöne Legende.

Ganz überrascht von der gelungenen Symbiose alten Gemäuers und moderner interaktiver Ausstellungsarchitektur stürzten wir uns also mitten hinein in die Geschichte. Mit leichter Gänsehaut, vor Ehrfurcht … und vor Kälte. Denn das Museum ist ein unbeheizter Kaltbau, man sollte die Jacke also besser an lassen. Historische Bauten lassen im Nachhinein eben nicht jeden Komfort der heutigen Zeit zu. Aber an Menschen mit Einschränkungen ist bei der Gestaltung des Museums gedacht worden, wie uns sofort auffällt.

Neben dem klassischen Museumsrundgang gibt es auch einen mit dem Tablet. Wunderbar. Überhaupt gibt es im ganzen Haus ganz viel zum Anfassen und Zuhören. Und sehr schnell kommen wir ins Staunen über die unzähligen Details an Wänden und Decken. Teilweise liegen bis zu 14 Schichten übereinander und zeugen von den kaum vorzustellenden 500 Jahren – wie die Ringe eines Baumes. Und diese Wände stehen tatsächlich im Vordergrund, ergänzt um verhältnismäßig wenige, aber gut ausgesuchte Exponate. So wirkt das Museum luftig und lässt den Dingen Raum, zu wirken. Auf einer Tafel lese ich „Ein Gebäude zum Sprechen bringen“. Wie treffend. Ich habe wirklich das Gefühl, dass die Wände mir etwas sagen wollen.

Exponate zum Anfassen!

Nachdem wir an einem beweglichen Hausmodell viel über die einstige Raumstruktur erfahren, bleiben wir an einer riesigen alten Truhe hängen. Mit zwei gigantischen Schlüsseln sollen wir sie auf bekommen. Exponate zum Anfassen! Und nebenbei lernen wir einiges über die Tricks der Kämmerer, die ihre Schätze früher doppelt und dreifach sicherten. Oder sind das einfach nur Neustädter Eigenarten? Wie die Musiktradition. Hier bringt man auch ganz kreativ die Musik italienischer Liebes- mit dem Text deutscher Kirchenlieder wie „Lobet den Herren“ zusammen. Zu hören im Museum. Aber wie kommt man auf so etwas? Oder der Lutherweg, der direkt durch das Haus hindurch führt. Überhaupt ist der Lutherweg in Neustadt prima ausgeschildert. Aber nicht nur mit Tafeln im klassischen Sinne, auch mit speziellen Pflastersteinen, die uns immer wieder begegnen.

Denn wir sind inzwischen über den Markt gelaufen und haben die Johanneskirche mit dem berühmten Cranach-Altar schon im Blick. Die Tatsache, dass wir wegen Restaurierungsarbeiten den Altar leider nicht sehen können, gleicht Ronny gleich mit einem weiteren Superlativ aus – zum Glockengeläut der Kirche gehört Susanna. Sie ist die zweitgrößte Glocke Thüringens nach der Erfurter Gloriosa – ein wahres Schwergewicht mit 66 Zentnern. Von einem Blick in die Kirche lassen wir uns natürlich nicht abhalten, bewundern die tolle Fincke- Orgel und plauschen ein wenig mit den Restauratoren. Die Kirchenglocke schlägt prompt 12 Uhr und wir werfen noch einen kurzen Blick in das benachbarte Stadtmuseum. Staunen über eine komplett funktionierende historische Druckerei, in der praktischerweise gerade die Weihnachtskarte des Bürgermeisters gedruckt wird. Alle Jahre wieder … Und alle 14 Tage kann man den Druckern bei Schauvorführungen über die Schulter schauen und natürlich selbst aktiv werden. Toll für Kinder!

Und was hat es nun mit den Fleischbänken auf sich? Der derbe Name täuscht. Wir stehen in einem wahrlich lauschigen Durchgang zwischen Kirch- und Marktplatz mit kleinen Verkaufslauben und fühlen uns fast etwas wie aus der Zeit gefallen. Im Mittelalter boten die Fleischer hier ihre Waren feil. Geschützt vor Sonne und Wärme. Zum Stadtfest und Adventsmarkt wird die alte Tradition wieder zum Leben erweckt. Dann öffnen Töpfer, Imker und andere Handwerker die Stände nach alter Sitte und schaffen eine ganz eigene Atmosphäre. Ach, auch der städtische Nachtwächter hat noch einen Schlüssel und reicht bei einer Führung hier gern mal einen Glühwein.

Zurück auf dem Marktplatz mit vielen schicken Fassaden blicken wir uns noch einmal um. Es tut sich viel in dieser kleinen Stadt. Begeistert von ganz viel Herzblut, Charme und Geschichten reden wir davon, unbedingt wieder zu kommen. Um mehr zu erfahren und zu sehen. Und einen Glühwein zu trinken.

Neugierig geworden? Mehr über das Lutherhaus in Neustadt an der Orla erfahren sie hier.

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